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Parabolic Drippings Der Körper trägt Schmuck. Die Beziehung zwischen Objekt und Tragen ist besonders und beschäftigt mich seit 1996. Sie begleitet mich bis heute in meiner Tätigkeit und bleibt - wie für viele Schmuckschaffende - ein lebendiger Teil unseres Kunstbereichs. Mein eigener Körper ist nie ganz ruhig. Gedanken fließen, besonders nachts, wenn ich nicht schlafen kann. Flüssigkeiten bewegen sich ständig - im Mund, in Nase und Augen, bei Kälte. Wir nehmen sie auf und geben sie wieder ab: durch Atmung, Stoffwechsel und Ausscheidung. Ein komplexes System, das nur funktioniert, weil alles in Bewegung bleibt. All das tragen wir in uns - und in die Welt. Dieses innere Leben spiegelt sich für mich in einem merkwürdig vertrauten Raum: der Toilette. Bei meinem ersten Besuch im KloHäuschen habe ich es sofort wahrgenommen. Nicht das Sichtbare interessiert mich zuerst, sondern das Dahinter: verborgene Rohre, Konstruktionen hinter dem Putz, im Zwischenraum der Wände. Dort begann der Wunsch, mit diesem Material zu arbeiten. Die Leitungen transportieren Wasser und Ausscheidungen durch Beton und Mauern. Ich habe mir vorgestellt, was geschieht, wenn sie aus den Wänden treten und in den Raum greifen. Ich will den Kreislauf öffnen, verlängern, selbst darin auftauchen. Aufbauen, abbauen, ersetzen Kupfer wird weich und biegsam, lässt sich formen und reagiert auf Druck. Seine Farbe erinnert an Haut - von rosig bis dunkel, manchmal bräunlich. Mal warm. Mal wie stillgelegt, kalt. Ich arbeite mit dem ganzen Körper. Das Material spüre ich nicht nur mit Werkzeugen, sondern auch mit Bauch und Beinen. Ich drücke die Rohre gegen mich, bis sie nachgeben, sich verdrehen oder Dellen bekommen. Nach dreißig Jahren körperlicher Arbeit haben sich mein Äußeres und mein Inneres verändert. Diese Veränderungen fließen mit ein. Industriell gefertigte Zuleitungen wirken dagegen streng, richtungsgebunden und funktional. Meine geformten Figuren weichen ab. Sie sind kurvig, eigensinnig, manchmal störrisch - aber lebendig. An den Verbindungen quillt geschmolzenes Metall hervor und bleibt sichtbar. Öffnungen werden zu umgekehrten Überläufen. Die Installation ist vom ursprünglichen Ort - einem Klohäuschen - inspiriert und löst sich zugleich von seiner Bestimmung. Mal bin ich Installateurin, mal Akrobatin. Ich steige die Leiter hinauf und wieder hinunter, stelle sie um. Der enge Raum fordert mich heraus. So arbeiten auch Handwerker*innen "in situ" - mit dem, was vorhanden ist. Ich prüfe, wie sich Leitungen und Objekte befestigen lassen, löte Verbindungen zusammen. Vorhandene Öffnungen nutze ich, um die Mauern nicht weiter zu beschädigen. Ich arbeite behutsam. Ich verrenke mich, messe mit meinem Körper, halte dagegen. Immer wieder mischt sich meine eigene Silhouette mit den bereits montierten Gestalten aus Metall. Das Flüssige ist mein unsichtbares Material. Kein Wasser im Raum, und doch ist alles in Bewegung. Innere Zustände treten nach außen. Ich versuche, Kreisläufe zu begreifen - nicht in ihrer Funktion, sondern als Erfahrung. Warum sind sie verbunden? Was trägt? Wo bricht etwas? Die neuen Anschlüsse liegen im Raum wie Fragmente. Fast wie nach außen gestülpte Eingeweide. In der sehr persönlichen Soundarbeit von Kerstin Thalau beginnen Spülungen und Heizungen zu blubbern, zu glucksen und zu murmeln. Kupferrohre und Raum werden zum Resonanzkörper. Birgit Thalau Parabolic Drippings - Sound REIN oberflächlich betrachtet schiebe ich, quasi tagtäglich und per Mausklick, Audioschnipsel durch virtuelle, grafisch tunnel- oder rohrähnliche, Kanäle. Soundtüftlerin gleich "technicienne de surface" (französisch politisch korrekt für Putzkraft, wortwörtlich "Oberflächentechnikerin")? Diese Überlegungen dripdropten durch meine grauen Zellen, als ich auf der untersten Stufe des Treppenhauses eines, eher bescheidenen, Bürogebäudes im Luxemburger Businessviertel Kirchberg sass, und meine Tätigkeit erschien mir plötzlich absurd. Mir kam Albert Camus Sysiphus-Mythos in den Sinn, glücklicherweise auch Wim Wenders japanischer Klohäuschen-Reiniger aus "perfect days", der seinem Job als ritueller und zufriedenstellender Performance nachging. Ein Türknall liess mich nach oben blicken: ich sah eine merkwürdig absurde, ansteigende, Treppenhausarchitektur von unten, eine Art MC-Escher-Korridorparabole, und hörte wie Menschen ihre merkwürdig absurden Sounds im Flur entsorgten, um danach entlastet in die eher ruhigen Büroräume zurück zu kehren. Mir schien, dass es da einige Parallelen zum Unterbau des Münchner Klohäuschens geben könnte, beschloss, den Gang-Klang aufzunehmen, ihn als Soundteppich für die "parabolic drippings"-Installation zu verwenden, in den ich missachtete Klangdrops aus meinem persönlichen Soundarchiv plus neue, frisch gepresste (also extrem komprimierte), Fieldrecordings verweben würde. Einfach gesagt, jedoch nicht einfach getan: klangtechnisch war dieser Flur ziemlich weit entfernt von einem stillen Örtchen; ich musste regelrecht, mit dichtem Audiomaterial, gegen ihn ankämpfen. Schnell kamen Zweifel auf: die Arbeiten meiner Schwester mögen raue, grobe, ungeschliffene Züge aufweisen, dennoch zeugen sie von Eleganz und Ästhetik. Ich schliff, werkelte, kämpfte weiter, aber da war nichts zu machen: ein Hauch von Farbtubenquetscher blieb. Also stellte ich noch 3 weitere, ungefilterte, Soundclips für Birgits Trichter, zusammen, die notfalls vor Ort zum Einsatz kommen sollten. Oh Wunder: in München stellte ich fest, dass das Grossmarkt-KloHäuschen nu wirklich auch kein stilles Örtchen ist, und dass eine Soundinstallation für den dortigen Innen- und Aussenbereich in starker Konkurrenz zu allerlei Lärm steht. Hatte das KloHäuschen bei meinen Recherchen und Experimenten sozusagen schon seine Finger im Spiel?? Letzendlich werden nun alle parabolic-drippings-Sounds zu hören sein: eine in seinem Aussen- und Eingangsbereich, die anderen drei , im Innenbereich des Raumes/ der Trichter, entfalten sich im Ohr am besten in Plumpsklohaltung! Kerstin Thalau Munich Jewellery Week Während der letzten Woche wird die Installation im Rahmen der "Munich Jewellery Week 2026" (04- 08.03.26) sichtbar sein. Gleichzeitig werden Schmuckstücke, die im Dialog mit der Rauminstallation stehen bei Galerie Beyond, Galeriestraße 6A, Hofgarten gezeigt. Birgit und Kerstin Thalau Birgit und Kerstin Thalau arbeiten und leben in Luxemburg und dies ist ihre vierte Zusammenarbeit. Kerstin ist als Kulturjournalistin tätig, hat Kulturanthropologie studiert und zusätzlich eine musikalische Ausbildung. Außerberuflich entwirft sie seit gut 25 Jahren Klangstücke und -installationen. Birgit ist bildende Künstlerin mit dem Schwerpunkt zeitgenössischer Schmuck. Sie erforscht, wie sich ihre Themen vom Körper aus in andere künstlerischeMedien weiterentwickeln. Der Aufenthalt und die Arbeiten an der Installation im KloHäuschen von Birgit Thalau in München wurde unterstützt durch Kultur | lx - Arts Council Luxembourg und von La Fondation Indépendance by BIL, Luxemburg. ![]() |
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Parabolic Drippings |
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| Maßnahmen zur Beseelung des Klohäuschens an der Großmarkthalle Ein Projekt des realitaetsbüros, gefördert vom Kulturreferat der LH München. |
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